Das Schach-WEBala  

Webmaster: W. Fiedler


Spielabend: freitags ab 19:30 Uhr
Gaststätte "Jahnstuben",                                                           
Jahnstraße 2, 90513 Zirndorf
Telefon: 0911/603711 

für fast jede Spielstärke (0 - 2500)
für fast alle Schacharten wie Computer-, Blitz-, Schnell-, Normal- oder Fernschach
für nahezu die gesamte Schach-Palette von gepflegtem Nonsens bis ernsthafter Analyse

Jugendschach im Spiellokal freitags
          (nach Absprache)

     Informationen aus Kreis und Bezirk

 

Das lustige Schachlexikon: Att bis Matt

von Hartmut Metz

das lustige Schach-Lexikon

 

 

 

 

Aberglaube

Wie jeder weiß, sind die meisten Schachspieler abergläubisch. Gottlob ist man selbst von diesen absurden Anwandlungen völlig frei. Vorsichtshalber - um nichts falsch zu machen - ziehen wir dann aber doch die Socken an, die wir bei unserem letzten glanzvollen Sieg trugen. Auch wenn sie etwas verdreckt sind und vom Geruch her an einen Emmentaler erinnern ...

 

Alkohol

Alkohol in Maßen mag ja noch während des Schachspiels angehen. Aber Alkohol in Massen ist grob unsportlich! Die FIDE täte daher gut daran, diese vom Spiel auszusperren. Betrunkene Schachspieler sind gegenüber ihren asketisch lebenden Kontrahenten deutlich in Vorteil: Ihre Fahne (Farbe blau) macht den Anti-Alkoholiker betrunken, so dass dieser bald zum Zeichen der Aufgabe die Fahne (Farbe weiß) schenken muß. Desweiteren wirken psychologische Kniffe gegen Betrunkene nicht, weil ihre Psyche, die nicht mehr vorhanden ist, nicht bekämpft werden kann. Am unfairsten jedoch ist es, dass die alkoholisierten Schachspieler mit doppelt sovielen Figuren spielen wie Nüchterne. Allerdings erschwert dies auch deren Spiel. Betrunkene legen ihr Spiel immer auf Beraubungssiege an, damit sie am Ende in Ruhe die beiden gegnerischen Könige mattsetzen können.

 

Anna Kournikova

Anna Kournikova muss auf jeder Schach-Homepage erwähnt werden. Nicht, weil sie ein Schachturnier gewonnen hat. Das würde überraschen, denn in ihrer Domäne Tennis gelang dies der Schönheit aus Russland bisher auch nicht. Obwohl: Alle Russen können Schach spielen und vermöbeln einen ständig bei Turnieren, sofern man überhaupt in die Reichweite des schlechtesten Russen - somit einen mit um die 2500 Elo - gelangt, der mit 6,5/7 abgeschlagen einen halben Zähler hinter seinen 42 anderen Landsleuten liegt. Solche Russen vergällen einem jedes Turnier. Aber ah Anna, was würden wir dafür geben, von dir einmal Patt gesetzt zu werden? Äh matt. Schon völlig verwirrt durch den bloßen Gedanken an dich. Ah Anna! Im Schach würdest du jedes Turnier gewinnen. Wechsel die Sportart! Was für einen Boom die Kournikova auslösen würde.

So, genug gelallt. Jetzt müsste der Webmaster zufrieden sein und ihm der Name Anna Kournikova in der in Englisch geschriebenen Version den Boom mit Abermillionen Hits garantieren. Endlich lässt der lästige Webmaster ab von seinen geplagten Kreaturen, den Schreiberlingen. Was interessiert uns Anna Kournikova im Schach? Pah! Schachspieler sind doch nicht dummgeil!

 

Anzug

Damit ist genauso wenig ein Smoking gemeint, wie auch de Redewendung "Weiß zieht an und gewinnt" keineswegs bedeutet, dass der Führer der weißen Steine die Partie gewinnt, wenn er sich ein Kleidungsstück (z.B. einen Smoking) anzieht. Letzteres würde zwar die Regeln vereinfachen und dadurch zusätzliche Fans anlocken, weil jeder nun eine Partie gewinnen könnte, doch der Ruf als "königliches Spiel" ginge dann wohl verloren. Anzug bedeutet soviel wie "am Zug".

 

Anfänger

Hinter dem Wort Anfänger verbergen sich zwei Bedeutungen, die beide äußerst beliebt sind. Zunächst eignet sich das Wort hervorragend, um nach der Partie seinen unausstehlichen Bezwinger damit herabzuwürdigen.

Der richtige Anfänger, der diesen Ausdruck ohne negativen Beigeschmack verdient, genießt am Klubabend hohes Ansehen. Wer einen Anfänger in seine Fänge bekommt, wird ihn nicht mehr abgeben wollen. Schließlich bietet einem der Anfänger eine glänzende Möglichkeit, sein eigenes Selbstvertrauen durch einen glatten 36:0-Sieg zu stählen.

Anfänger haben leider meist den Nachteil, dass sie sehr dünnhäutig sind und nach solchen Schlappen nie mehr im Klub auftauchen. Die wenigen, die dennoch durchhalten, verderben einem dann auch den Spaß, weil sie ehrgeizig sind und so einen bald selbst wie einen Anfänger aussehen lassen. Aber gottlob verirren sich hie und da neue Anfänger in den Klubabend ...

 

Bauer

Bekanntlich die Seele des Spiels. Bauern sind besonders mit ihren Gabeln gefährlich. Dies erfuhren die adeligen Herrschaffen schon im Mittelalter bei den Bauernaufständen. Küßt einen Bauern die Muse oder genauer gesagt die achte gegnerische Reihe wird der einst so Unscheinbare in den Adelsstand erhoben. Preis der Auszeichnung ist dabei aber oft eine Geschlechtsumwandlung zur Dame. Besondere Wertschätzung im Adel genießen Zentrums-, Frei- und besonders gedeckte Freibauern.

Paradox wird das Schach, wenn der Bauer mit dem Bauern die Dame der Dame schlägt bzw. der Bauer der Dame die Dame des Bauern verspeist. Das Gleichgewicht der Kräfte wird nicht gestört, wenn der Bauer mit der Dame Bauern oder Damen tauscht ...

 

Bulgarische Verteidigung

Noch nie von der Bulgarischen Verteidigung gehört? Aber die Jugoslawische oder Russische Verteidigung kennen Sie? Im Prinzip liegt eigentlich in allen drei Fällen dieselbe Variante vor: Nein, keine Eröffnungsvariante, sondern die einsetzenden Unterhaltungen während einer Schachpartie. Flugs sammeln sich alle Bulgaren, Jugoslawen, Russen oder wer auch immer um die Partien ihres Landsmannes. Eine heftige Diskussion bricht los, an dessen Ende der Spieler den von der Mehrheit befürworteten Zug auszuführen hat. Da 20 Augen meist mehr als zwei sehen, darf die Bulgarische Verteidigung als äußerst erfolgreich bezeichnet werden - zumal es keine Verteidigung gegen die Bulgarische Verteidigung gibt. Denn wer spricht schon Bulgarisch und entkräftet die Lüge, man spreche nur übers Wetter ...

Wir würden gern die Deutsche Verteidigung einsetzen - nur zu dumm, dass man im eigenen Land so gut verstanden wird. Vielleicht spielt deshalb manche Gruppe so gern im Ausland Turniere.

 

Grundstellung

(von links, aus Sicht des Weißen, der sich nicht immer als Weiser entpuppt, ja manchmal scheint sogar Schwarz der Weise zu sein): Turm, Springer, Läufer, Dame (weiße Dame, weißes Feld), König, Läufer, Springer, Turm. Zweite Reihe, also nicht bei ARD und ZDF, außerdem stehend und wieder von links; Bauer, Bauer, Bauer, Zentrumsbauer, Zentrumsbauer, Bauer, Bauer, Bauer. Auf den billigen Plätzen in der vorletzten Reihe nur schwarze Fellachen, zwei gehören davon der Zentrumspartei an. Dahinter, im letzten Glied, rabenschwarze Seelen, blindlings bereit, alles niederzuwalzen, was sich ihnen in den Weg stellt (von links); Turm, Springer, Läufer, Dame (schwarze Dame, schwarzes Feld!), Ihro Majestät, Läufer, Springer, Turm. Aus Platzgründen sei auf die Grundstellungen aus Sicht des Weißen von rechts sowie des Schwarzen von links und rechts verzichtet.

 

Depp

Gern gebrauchte Bezeichnung für einen Gegner, der einem gerade ausführlich erläutert, warum er die Partie gewonnen hat. Dabei läßt er ganz außer acht, dass er auf Zeit gewann und ansonsten vor einem undeckbarem, einzügigem Matt stand. Andere Landstriche, andere Sitten: Der Ausdruck "Depp" klingt in anderen Regionen so ähnlich wie Idiot oder ... Wahre Gentlemen an den Schachbrettern benutzen solche Ausdrücke nie im Beisein des Kontrahenten - sie denken sich höchstens ihren Teil ...

 

 

DWZ-Sachbearbeiter

Bekanntlich der unfähigste Mathematiker in unserem Schachbezirk. Er ist ein ständiges Ärgernis: Nie, aber auch fast nie, rechnet er einem die eigene Wertungszahl korrekt aus. Hätte der Bezirk endlich einen guten DWZ-Sachbearbeiter, wäre wohl jedermann um mindestens 100 Punkte besser - mit Ausnahme des DWZ-Sachbearbeiters selbst. Sie verbessern sich seltsamerweise schon kurz nach erstmaligem Amtsantritt kolossal.

 

Dreikommafünf

Die 3,5 ist für jeden engagierten Mannschaftskämpfer ein zahlenmäßiger Alptraum. Sie zählt auf Grund ihrer Widerwärtigkeit zurecht nicht zu den natürlichen Zahlen. Ein 3,5 löst nach dem verlorenen Wettkampf Redewendungen aus, die stets mit dem Wort "wenn ..." beginnen. Den krassen Gegensatz zur 3,5 stellt die 4,5 dar. Sie verströmt Glück und Wonne. Der 3,5 wird etwas von seiner Hässlichkeit genommen, wenn sie in ihrem Schlepptau noch ein plus H, also 3,5+H oder noch besser 3,5+2H, trägt.

 

Eröffnung

Meist eröffnet einem der Gegner mit der Eröffnung nichts Neues. Daher sind Liebeseröffnungen allemal interessanter als Schacheröffnungen. Dennoch soll es Leute geben, die nichts besseres zu tun haben, als die Eröffnung bis zum 92. Zug auswendig zu lernen - und trotzdem verlieren, weil der Gegner die Caro-Kann-Verteidigung nur bis zum dritten Zug beherrschte.

 

 

Fischer

Vorname Bobby, Amerikaner. Einer der besten Spieler aller Zeiten, wenn nicht gar die Nummer eins. Neben seinem starken Schach bot Fischer auch noch andere Vorteile. Nicht-Schachspieler kennen ihn dank seiner Eskapaden und die älteren unter ihnen flüstern im gleichen Atemzug noch Spasski. Fischer klingt deutsch, bleibt also wesentlich besser im Gedächtnis haften als ein x-beliebiger Weltmeister aus der Sowjetunion, der mit -ow, -in, -ik oder sonst irgendwie unaussprechlich endet.

 

Funktionär

In den Augen des gemeinen Volkes notorische Besserwisser, die nicht wissen, was Schachspieler wünschen und nur die Verbandsgelder sinnlos verpulvern. Respekt genießen Funktionäre aus einem zweiten Grund nicht: Sie besitzen meist solch eine klägliche Spielstärke, dass sich nicht einmal Otto Normalschächer vor ihnen fürchten muß. Zwei Merkmale unterscheiden also den Funktionär von den anderen Schachspielern. Die oben genannten? Nein. Die Spielstärke, das ist unstrittig. Und die Besserwisserei? Die teilt der Funktionär mit jenen Schachspielern, die nur über ihn maulen.

Der Funktionär - man höre und staune, dass es doch etwas Positives über diese verachtenswerte Kreatur zu berichten gibt - engagiert sich aus reinem Idealismus für den Schachsport. Da allerdings die wenigsten unter uns in diese unberührbare Kaste hinabsteigen möchten, finden Sie unter Mitgliederversammlung einige praktische Tips, wie dies vermieden werden kann.

 

Fernschach

Fernschach bereitete ganz früher Spaß. Vor allem, als man noch die Brieftauben, die der Nachbar mit seinem neuesten Zug losschickte, abschießen konnte. Obwohl die Freude merklich nachließ, als mit Postboten bei Überbringung schlechter Züge (also Doppel-Ausrufezeichen-Zügen des Kontrahenten) nicht mehr gleich verfahren werden durfte, versprühte das langsame Spiel gewissen Reiz. Patzer konzentrierten sich darauf, die Briefmarken aus fernen Ländern akkurat auszuschneiden und mit Hilfe warmen Wassers vom verbleibenden Papier zu befreien und hernach die bunten Läppchen fein säuberlich einzuordnen. Diese tauschten sie häufiger als starke Züge mit den Gegnern, die sie eher als Brieffreunde erachteten.

Die Spezies der Waschlappen-Schachspieler verschwand, als sich die selige Zeit des Chess Champion Super System III zu Ende neigte. Konnte man das Weihnachtsgeschenk von Oma, die dafür (im Rückblick) um unverschämte 400 Mark ihrer kargen Rente betrogen wurde, immer wieder unter lautestem Jauchzen mit demselben Trick in sieben Zügen durch ein Doppel-Abzugsschach matt setzen, gelang dies gegen die Nachfolgemodelle zunehmend seltener. Das Vergnügen erlosch völlig mit Zunahme widerwärtig intelligenter Silberscheiben, die man im Gegensatz zu den hölzernen Mephistos nach einer Niederlage nicht einmal richtig mit der Axt bearbeiten konnte.

Jedenfalls waren im Fernschach auch ab da plötzlich Patzer nicht mehr das, was sie vorher stets waren: Patzer! Durch Kauf von 18 verschiedenen Programmen sowie derselben Anzahl von Hochleistungs-PCs verdreifachten die bis dato schachlichen Analphabeten ihre Wertungszahlen von 835 auf 2505. Als zum 93. Mal die gleiche Erläuterung eintraf ("Die eigene DWZ bei Spielen am Brett schwankt bei mir nur deshalb zwischen 498 und 676, weil ich dort meine Nerven und die Bedenkzeit nicht unter Kontrolle habe. Bei stressfreiem Denken ohne Last zu Hause entfaltet sich hingegen mein - wie ich unbescheiden sagen darf - nicht unerhebliches Schachverständnis ..."), beschloss ich, dass keiner dieser Typen in meinem Klub jemals mehr meine Figuren polieren durfte. Zum Figurenaufbauen waren sie ohnehin nicht zu gebrauchen, weil sie meist Dame und König vertauscht hinstellten.

Als ich mir dann trotz des Verkaufs meiner Briefmarken-Sammlung an Anatoli Karpow nicht den 19. Computer, das mit Abstand schnellste Modell auf dem Markt, leisten konnte und einem Spieler mit einer Nahschach-DWZ von 166 unterlag, wandte ich dem einst so schönen Fernschach endgültig den Rücken zu.

 

Freud

Damit ist nicht die Freud' nach einem Sieg gemeint, sondern Sigmund. Auf ihn stützen sich jene Gelehrte, die behaupten, dass Schachspieler alle potentielle Vatermörder sind. Und tatsächlich: Niemand kennt wohl einen 93-jährigen Schachspieler, dessen Vater noch lebt!

 

 

Intelligenz

Es gibt nur eine Sache, die der liebe Gott an alle Schachspieler gerecht verteilt hat: Intelligenz. Oder hat schon jemals jemand einen klagen hören, er verfüge nicht über genügend Intelligenz? Na also.

 

Glücksspiel

Schach ist ein durch und durch logisches Spiel, behaupten all jene, die soeben eine Partie gewonnen haben. Alles Mumpitz! Schach ist ein reines Glücksspiel, wie der Autor und sicher auch viele Leser schon in unzähligen Partien nachgewiesen haben. Plötzlich gewinnt halt mal eine Springergabel die Qualität oder ein undeckbares Matt befindet sich auf dem Brett - wenn alles logisch auf dem Brett zuginge, würde jedes Match doch im Remis enden. Selbst der Internationale Schachverband FIDE gesteht ein, beim Schach handelt es sich um ein Glücksspiel: Denn wie wäre es sonst zu erklären, dass die von der FIDE verliehenen Titel Großmassler (GM), Internationaler Massler (IM) und FIDE-Massler (FM) heißen. Merke: Ein Patzer ist demnach einer, der ohne Glück spielt.

 

Flut

Der Einfluss der Gezeiten auf den Ausgang einer Partie wird im Allgemeinen unterschätzt. Anfänger sollten sich stets merken, dass der erfahrene Spieler stets mit der Flut im Rücken antreten will. So überschwemmen die eigenen Figuren viel leichter die Bretthälfte des Kontrahenten, während dessen Klötzchen mit der Ebbe auf die letzten Reihen zurückgesogen werden. Rückenwind bringt dagegen im Schach wenig - abgesehen davon, dass bei einem Weltrekordversuch nur zwei Meter pro Sekunde erlaubt sind. Allenfalls beim Blitz mag Rückenwind etwas behilflich sein: Die Vorwärtsbewegung der Figuren wird aber nur bei längeren Zügen merklich beschleunigt. Neben dem wichtigsten Element Flut kann noch die Sonne - sofern sie tief steht - die Partie beeinflussen: Ein Bauer, der einen langen Schatten wirft, wirkt auf den Gegner um ein Vielfaches bedrohlicher!

 

Gabel

Ein durch und durch nützliches Utensil: Damit kann man Pommes mit oder ohne Ketchup aufspießen oder den Gegner piesacken. Eingesetzte Gabeln erleichtern einem das Verspeisen des Essens bzw. des Kontrahenten. Gabeln bleiben nur bei zwei Dingen der Erfolg versagt: Bei Suppe und bei anderen Springern.

 

Isolani

Ein typischer Schachbegriff. Schneller als sich ein engagierter Spieler versieht, ist seine Frau davongelaufen und er wird dadurch zum Isolani. Dasselbe Schicksal blüht einem, falls man im Mannschaftskampf die entscheidende Partie zum 3,5:4,5 verliert. Die einstigen Kameraden werden den Sündenbock erst dann wieder aus der Isolation befreien, wenn sich ein anderer als noch unfähiger erweist. Isolanis werden von anderen Frauen, anderen Vereinen oder im Endspiel leichter als gefestigte Mannsbilder/Bauern erobert.

 

Kornlegenden

Sehr unglaubwürdig klingt die Weizenkornlegende, nach der ein Weiser namens Sissa ibn Dahir das Schachspiel erfunden hat und sein indischer Herrscher Shihram ihm dafür einen Wunsch gewährte. Sissa wählte ein Korn für das erste Feld, zwei für das zweite und so sollte sich die vorherige Zahl bis zum 64. Feld immer verdoppeln. Shihram war offensichtlich in Kopfrechnen schwach - ansonsten hätte er rasch ermittelt, dass dabei 18 446 744 073 709 551 615 (also über 18 Trillionen) Körner zusammenkommen - und zeigte sich bereit, Sissas Bitte nachzukommen. Ohne Erfolg, wie jedermann weiß.

Wesentlich glaubhafter erscheinen da einige deutsche Kornlegenden: So soll Alfred Koppler am Spielabend seines SK Castrop-Rauxel (dienstags, 1961) 73 Korn geschluckt und Winfried Kaputke seine 22 trinkfesten Wanne-Eickeler Vereinskameraden 1974 (freitags, weil er vor Werktagen abstinent blieb) simultan unter das Schachbrett gesoffen haben. Für den Wahrheitsgehalt dieser Legenden spricht, dass beide Schachfreunde später an Leberzirrhosen starben.

 

Königliches Spiel

Wer immer diese Bezeichnung erfunden hat, alle Schachspieler müssen ihm ewig dankbar sein. Die Verbände sind ohnehin nicht gerade mit üppigem Mitgliederzulauf gesegnet. Um wieviel geringer müsste dieses Rinnsal erst verlaufen, wenn Schach den schmückenden Beinamen "proletenhaftestes Spiel" oder "froschlichstes Spiel" (um die Leser mit Märchen-Kenntnissen anzusprechen) träge. Wer wollte schon ein Prolet sein? Sei kein Frosch, sagt schon ein Sprichwort.

Königlich möchte man dagegen zu jeder Zeit sein - sieht man einmal von der Französischen Revolution, in der die Guillotine die Monarchisten-Köpfe zurecht rückte, ab. Nun, die kopflosen Zeiten gibt es nicht mehr und so finden dann und wann einige Individuen zum Spiel auf den 64 Feldern - auch wenn das Drumherum oftmals wenig majestätisch wirkt. Ob die proletarischen Russen Schuld an dem Wandel waren? Bobby Fischer würde dazu sagen: "Yes!" (frei übersetzt bedeutet dies soviel wie: "Ja, die verdammten Kommunisten sind an allem Schuld!").

 

Glanzpartie

Ein Kleinod, über das jeder Schachspieler zu verfügen glaubt. Je stärker das Ego eines Spielers ausgeprägt ist, desto größer ist die Anzahl seiner Glanzpartien. Diese Partiejuwele bringen nur den Nachteil mit sich, dass sie keiner so recht würdigen, geschweige denn sehen will. Aber das ist wahrscheinlich besser so, denn bei näherer Betrachtung erwiese sich manch selbst erkorene Glanzpartie sicher als fade Suppe ohne Salz. Diese nicht beachteten Glanzpartien bereiten einem daher doch allen Freude: dem Spieler, weil er sich dank seiner Unkenntnis im stillen Kämmerlein weiter an seiner Leistung erfreuen kann - und den anderen, weil sie sich die Partie nicht anzuschauen brauchen.

 

Indirekte Verteidigung

Die Kunst der indirekten Verteidigung beherrscht nicht jeder. Zunächst einmal sorgt sie dafür, dass Bauern oder Figuren für den Gegner tabu sind, will er nicht etwas verlieren. Merke: Könige können nicht indirekt verteidigt werden. Während die eben aufgeführte erste Variante der indirekten Verteidigung nur dafür sorgt, dass man nichts verliert, ist die zweite Variante die wesentlich stärkere Waffe. Ein "wenn Du mir den Springer raushaust, hau' ich Dir eine auf die Fresse ..." hat schon manchen Kontrahenten verlustbringend verunsichert.

Bei subtileren Geistern ist rohe Gewalt verpönt. Ihre Art der indirekten Verteidigung verfehlt dennoch ihr Ziel nicht: "Wie mir gerade zu Ohren kam, trifft sich Ihre Frau im Moment mit einem Kerl namens Karl." Spätestens nach dem besorgt geheuchelten "sicher ist Karl ein guter Freund der Familie" wird die indirekte Verteidigung triumphieren und der Gegner die Dame einstellen.

 

Kiebitz

Dieses Getier, das einer verschwindend geringen Klientel in deutschen Auen anhört, kommt meist in verräucherten, dunklen Seitenzimmern von Gastwirtschaften vor. Dieser schwarzweiße Sumpfvogel mit weißer Haube verfügt nur über eine äußerst leise, kaum vernehmliche Stimme. Wissenschaftler konnten bis heute kein Licht in den geheimnisvollen Code der Kiebitze bringen und stehen bei den wispernden Lauten wie "16.Sxc6 bxc6 17.Tg7+", die oft freudige Erregung hervorrufen, noch immer vor einem Rätsel. Ungeklärt ist auch die Fortpflanzung dieser eigenartigen Gesellen: Kaum einmal ist ein Kiebitz-Weibchen zu entdecken. Dennoch scheinen diese ulkigen Glotzer nicht vom Aussterben bedroht zu sein.

 

 

 

Gegner

Ein lästiges Beiwerk im Schachspiel. Die Gegner lassen sich recht einfach in zwei Kategorien einordnen: Die sympathischen Kontrahenten, die brav und willenlos den Punkt abgeben, und die unsympathischen, die einen bezwingen. Eine undefinierbare Zwitterstellung nehmen die Remisspezialisten ein. Ist der Remisspezialist ein guter Spieler findet man ihn nach einem Unentschieden akzeptabel, während man nach einer Punkteteilung einen schlechten Gegner unausstehlich findet.

Anschließende Analysen mit einem Besserwisser verstärken diese negativen Gefühle. Am angenehmsten erscheint als Gegner noch immer der Schach-Computer: Durch einfaches Brettdrehen oder Stecker herausziehen vermag der Mensch noch immer seinen überlegenen Intellekt zu beweisen.

 

INGO

"Am INGO hängt's, zum INGO drängt's" wußten schon die Dichterfürsten des Mittelalters, als es die Zahl aus INGOlstadt noch gar nicht gab. Diese Bewertung der Spielstärke soll insbesondere Schach-Cracks mit schlechteren Zahlen überhaupt nicht interessieren. Alles Lüge! Tatsache ist, dass eigentlich jeder ambitionierte Spieler wahren Fetischismus mit der Zahl treibt und nur noch das Streben nach einer besseren INGO kennt.

Eine unangenehme Eigenschaft, man kann es nicht verheimlichen, besitzt die eigene INGO-Zahl: Sie ist mindestens um zehn Punkte zu hoch, während andere Patzer viel zu gut bewertet werden. Dieser Umstand brachte manchem INGO-Sachbearbeiter schon Schmäh- und Drohbriefe ein.

Ach ja, wenn ein Ruf erschallt "Ingo hol' mal'n Bier aus'm Keller", muß dieser Ruf nicht unbedingt aus der Kehle eines Schachspielers stammen.

 

 

 

Mitgliederversammlung

Fernbleiben, fernbleiben und nochmals fernbleiben lautet die bewährte Taktik, um ja kein Amt bei der alljährlichen Mitgliederversammlung zugeschanzt zu bekommen. Da sich dies schon lange herumgesprochen hat, wundert es keinen, dass die Versammlungen - abgesehen von den Funktionären und den Funktionärsanwärtern - nur spärlich besucht werden. Sollten nur alle zwei Jahre in Ihrem Schachclub Neuwahlen anstehen, können Sie es riskieren, in den anderen Jahren die Mitgliederversammlungen zu besuchen. Seien Sie aber gewappnet. Erkundigen Sie sich vorher, ob keiner der Funktionäre zurücktritt.

Hat der Vereinspräsident hinterhältigerweise die Mitgliederversammlung auf einen der Spielabende gelegt, und Sie tappen nichtsahnend in die Falle, helfen nur noch zwei Verteidigungszüge, die jedermann nach Geschmack wählt: Entweder beschimpfen Sie die "unfähige Vorstandschaft", mit der Sie nie und nimmer zusammenarbeiten wollten kompromißlos oder Sie machen einen auf beschäftigt. Sätze wie "Ich könnte eigentlich alles wesentlich besser als die derzeitige Vereinsführung machen, doch leider, leider bin ich beruflich so angespannt ..." lassen Sie in der Achtung Ihrer Klubkameraden garantiert kräftig steigen.

 

Fieber

Bricht regelmäßig im Sommer aus und heißt mit Vornamen Wechsel. Wen schnappen wir uns ? Wer hat uns wen weggeschnappt ? Wem kündigen wir die Freundschaft auf, weil er den Verein verläßt ? Was für eine DWZ hat der Neue? Welches Brett können wir ihm garantieren ? Wer fliegt dafür aus der Mannschaft ? All dies sind Fragen, die uns im Sommer beschäftigen. Das Wechselfieber grassiert und wer keine gute Jugendarbeit hat, hat hierbei die Möglichkeit durch geschickte oder widerwärtige Intrigen - je nach Sicht der Betroffenen - verlorenen Boden wiedergutzumachen. Monetäre Leistungen sollen im Übrigen das Wechselfieber begünstigen ...

 

Matthäus

Hierbei handelt es sich weder um den bekannten Fußballspieler Lothar noch um den weniger bekannten Evangelisten. Hier geht es um Matthäus, den Waldspecht. Matthäus, der Waldspecht, kennt nur ein Ziel: Königliches Holz. Triumphgeheul wird zumindest im Kuppenheimer Schach angestimmt, wenn der Waldspecht wieder einen König hackt. Lauthals wird es vor dem Zug angekündigt: Matthäus, der Waldspecht. Was andernorts einfach "Matt" heißt, heißt eben im Schachnabel der Welt Matthäus, der Waldspecht. Seien wir doch ehrlich: Matthäus, der Waldspecht, klingt doch zigmal besser und geistreicher als ein simples "Matt". Dennoch scheiterte eine Eingabe beim Weltschachverband, das "Matt" in Matthäus, der Waldspecht, umzubenennen: Der Verband wehrte sich vehement. Die Jugoslawen sahen sich zu sehr an die zwei Tore von Matthäus bei der 1:4-Niederlage in Italien erinnert. Womit wir wieder bei Lothar, dem Fußballer, wären.

 

Matt

Ziel des Schachspiels ist es eigentlich Matt zu setzen. Dieses hehre Ziel scheitert jedoch meist daran, dass mindestens ein Partieteilnehmer ein Spielverderber ist und rechtzeitig vor dem Matt aufgibt. Besonders übel wird es, wenn zwei Spielverderber am Werke sind: kein Matt, kein nichts, Remis! Matte Spieler setzen übrigens seltener Matt als muntere.

 

Letztes Brett

Das achte Brett ist in einer Mannschaft meist das Allerletzte. Der Spieler am achten Brett sitzt immer im entlegensten Winkel des Raumes - Zuschauer verirren sich an dieses Brett nur dann, wenn sie in derselben Ecke die Toiletten vermuten. "Der Patzer am achten Brett", so die anderen sieben Mannschaftskameraden, erweckt bestenfalls beim Stand von 3,5:3,5 Interesse. Auch ansonsten ist die Rolle des letzten Mannes undankbar: Wenn er nicht alle Saisonspiele gewinnt - das darf erwartet werden, schließlich spielt der achte Mann stets gegen den schlechtesten Spieler des Gegners - wandert er in die nächstniedere Mannschaft.

 

Nötigung

Den Tatbestand der Nötigung erfüllen ziemlich viele Schachspieler - eigentlich all jene, die gerade eben eine Partie gewonnen haben. Ihre Opfer sind ausschließlich willensschwache Individuen, die sich nicht zu einem barschen "Verschwinde" durchringen können. Die Auswirkungen erweisen sich in der Praxis als fatal: Sie werden dazu genötigt, die Gewinnpartie anzuschauen. Experten unter den Willensschwachen geben sich nun gelangweilt und schalten hie und da ein auffälliges Gähnen ein. Völlig fehl am Platze ist das Verhalten gutmütiger Trottel. Manchmal schauen sie erstaunt oder heucheln gar Bewunderung, was den Nötiger nur noch zusätzlich anstachelt. Seien Sie gewiss, solche Leute wird der Schach-Nötiger künftig öfters mit eigenen Partien belästigen.

 

Opposition

Während Politiker diesen Zustand nicht anstreben, sichert dieser beim königlichen Spiel das Unentschieden. Die beiden feindlichen Könige stehen sich allein gegenüber, lediglich der eine hat noch einen Bauern im Rücken stehen. Da ihn aber der übel gesonnene andere König wie ein Spiegelbild nachäfft, vermag das Bäuerlein - wie im richtigen Leben - nichts auszurichten.

Übrigens: FDP-Politiker konnten bisher noch nie eine Partie Remis halten, da sie sich inständig weigern, in die Opposition zu gehen.

 

Scheinopfer

Scheinopfer können sich nur reiche Amateure leisten. Zudem muß sich ein Spieler - meist ein wenig begüterter Profi - einfinden, der dem Opfer bereitwillig gegenübersteht. Es handelt sich also um eine seltene, die frühestens in Runde acht zum Tragen kommt, weil der Profi mittlerweile keine Chance mehr auf ein Preisgeld besitzt. Gleichzeitig besitzt der Amateur zwar keine Chance auf den ganzen Punkt, hat aber dafür genügend Scheine in seinem Geldbeutel. So bekommt sowohl der Profi als auch der bisher ELO-lose Amateur, was jeder haben will.

Zur Vorgehensweise: Zunächst pokern beide Seiten und warten ab - derjenige, der nämlich mit dem Kuhhandel beginnt, ist gleich in der schlechteren Position, gibt er doch zu erkennen, dass er vom anderen etwas haben möchte. Das kann teuer werden. Normalerweise muss der Amateur anfangen zu bieten, da der Punkt um so teurer wird, um so schlechter man steht. Vorher sollte der reiche Amateur jedoch versuchen, den Profi aus der Reserve zu locken: "Leider haben Sie ja jetzt keine Chance mehr auf ein Preisgeld ..." Sollte der Profi nun ungerührt lächeln, kommt es einen am billigsten, gleich die Worte "...ich muß 'mal dringend auf die Toilette" hinzuzufügen. Das anschließende Augenzwinkern sollte so von sich gegeben werden, dass es die Brettnachbarn nicht bemerken.

Auf dem stillen Örtchen wird dann in aller Ruhe verhandelt. Die erste Offerte des Amateurs sollte noch der Formel ELO des Gegner minus 2 300 = erstes Angebot in Mark berechnet werden. Der im Handeln unterlegene Amateur wird am Schluß dann drei Hunderter 'rüberreichen und die Kontrahenten schreiten zurück zum Brett. Dort stellt der Meister eine Figur ein, jammert noch einen Moment lang und gibt dann auf - ein weiterer Triumph eines hinterlistigen Scheinopfers!

 

Übermacht

Jeder kennt die Situation im Blitz: Unbarmherzig rollen vier schwarze Bauern auf einen zu. Einer hässlicher als der andere. Wären sie nicht alle gleich groß, erinnerten sie mit ihren dreckigen Visagen an die Dalton-Brüder. Was hilft in solchen Fällen gegen die Übermacht? Man muss es mit Lucky Luke halten und schneller als sein Schatten ziehen. Vielleicht schlägt dann für die Daltons doch als erstes das letzte Blitz-Sekündchen.

 

Sizilianische Verteidigung

Die Sizilianische Verteidigung eroberte sich die Schachtheorie im Sturm. Sie gilt zurecht als schärfste Waffe gegen den Eröffnungszug e4. Die Sizilianische Verteidigung zeitigt meist einen vollen Erfolg - oder würden Sie mit einem Messer an der Kehle noch überlegen, ob Sie die eigentlich mit einer Mehrdame ganz passabel stehende Partie nicht gleich aufgeben? Solchen Luxus wagt höchstens Rambowski oder der Terminator. Ein im Vergleich dazu eher schwächlicher Typ sollte, sobald sich die Sizilianische Verteidigung andeutet, sofort ein Remis anbieten - vielleicht ist so gegen die stärkste aller Verteidigungen wenigstens ein halber Zähler zu retten.

 

Selbstmatt

Das Eigentor des Schachs. Eigentlich war es nie richtig beliebt. Dann und wann erlebt das Selbstmatt aber doch eine Renaissance, insbesondere in hektischen Zeiten. Vor allem mit Rücksicht auf die Mannschaftskameraden ist das Selbstmatt mega-out. Fast so out wie das Wort mega-out.

 

Theorie

Das Spiel der Könige verkommt immer mehr zum Spiel der Kalenderidioten, die die Eröffnungstheorie bis in ihre letzten Verästelungen auswendig wissen. Begann die Partie früher, als das Schach noch Schach war, mit den obligatorischen Zügen 1.e4 e5 und danach versanken beide Parteien in tiefes Nachdenken, zocken heute selbst leidige Vereinsspieler die Eröffnung in wenigen Sekunden herunter. Die Theorieliebe geht sogar so weit, dass dem Nachwuchs erst die Sizilianische Verteidigung beigebracht wird, ehe man den Knirpsen erklärt, was ein Matt ist. Mittel- und Endspielkenntnisse werden dem Theoriehai stets Fremdwörter, wie zum Beispiel Katalepsie, bleiben. Noch ein Rezept, wie den Theoriehai während seiner Rekapitulierungsprozesse Starrsucht, also Katalepsie, befällt: "Gut, gut, wenn er später 93...Sf6 zieht, dann verlasse ich die Theorie mit 94.Tab1! ...Was soll denn das? Er zieht 3...c6 - das ist keine Theorie. Was mache ich jetzt?"

 

Pferd

Während eines Open-Turniers in Baden-Baden eilte ein Teilnehmer freudestrahlend zu seinen Kameraden: "Ich habe heute einen Anfänger erwischt. Mein Gegner schreibt auf sein Partieformular immer Pf für Pferd!" Seine Miene verfinsterte sich jedoch rasch, da ihn der "Anfänger" nach allen Regeln der Kunst zusammenschob. Des Rätsels Lösung: Bei dem "Anfänger" handelte es sich um einen FIDE-Meister, der wie in den Niederlanden üblich "Pf" für Pferd schrieb.

Warnung: Ähnlichkeiten mit R.W. sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Themawechsel

Vermeide nach jedem Turnier Gespräche mit Schachspielern, denen man zutrauen darf, mindestens eine Partie gewonnen zu haben! Diese goldene Regel sollte man nie brechen, falls man uninteressantes, banales Gefasel haßt. Der Schachspieler ist gegenüber seinesgleichen arglistig und rücksichtslos. Geschickt verwickelt er einen in ein zunächst belangloses Gespräch, um dann erbarmungslos zuzuschlagen. Ein Beispiel: "Tolles Wetter heute", beginnt der eine wenig geistreich, aber immerhin. Doch schon hat ihn der Turnierspieler am Wickel: "Stimmt - das schöne Wetter erinnert mich an meine tolle (Beachten Sie die gelungene Assoziation!) Partie in Buxtehude, die ich bei dem Turnier vor drei Tagen spielte!"

Will man den Turnierspieler nun nicht düpieren, gibt es kein Entrinnen mehr. Stundenlang muß man danach einen Monolog über eine erbärmliche Partie ertragen. Sollten Sie trotz größter Achtsamkeit in solch eine bedauernswerte Situation geraten sein, stellen Sie Ihr Gehör auf Durchzug, nicken alle paar Minuten zustimmend und streuen hie und da ein "klasse" ein. Doch treiben Sie es nicht zu weit, da Sie ansonsten Gefahr laufen, mehrere Partien anschauen zu müssen.

 

Schachbrettbauer

Der mühselige Beruf eines Schachbrettbauers ist vom Aussterben bedroht. Dies hat zwei Gründe: Einerseits mag die heutige Jugend bekanntlich nur auf der faulen Haut liegen und andrerseits unterstützt das Abrüstungskomitee innerhalb der FIDE die Tendenz hin zu den Plastikbrettern. Wie verschiedene Crash-Tests an 2 000 Versuchspersonen gezeigt haben, ist die zerstörerische Wirkung von Plastikplanen beim Auftreffen auf den Kopf weitaus geringer als bei massiven Holzbrettern. Während die 1000 "Plastik-Probanden" die zehn Schläge auf den Kopf alle lebend überstanden, mußte mancher der 1000 "Holz-Probanden" nach drei Treffern ausgewechselt werden (was zu 100 Prozent bei Brettern aus Eiche galt).

Die wenigen Schachbrettbauer, die noch nicht im Ruhestand sind, fristen daher ein karges Dasein. Der Verkauf läuft schleppend und die Tagesproduktion dieser echten Handarbeit übersteigt zwei Bretter nie. Wie soll das auch gehen? Es erweist sich als äußerst schwierig, herauszufinden, welches der 32 weißen Felder nun das Feld c2 ist, wo es genau hinkommt und wie es hinzukleben ist, damit es sich in das Ganze harmonisch einfügt. Dennoch schaffen es diese Brettkünstler immer wieder, dass es heißt: Quadratisch, praktisch, gut.

 

Qualität

Das Spiel besitzt meist wenig Qualität, wenn einer der beiden Kontrahenten die Qualität einstellt. Opfert eine Partei die Qualität, um danach den Sieg einzuheimsen, zeugt dies von großer Qualität. Eine Partie bürgt am ehesten für Qualität, wenn es das Qualitätssiegel "Made in USSR" trägt.

 

Turniertabelle

Ein großes, weißes Blatt, auf dem die Zeichen "1, 0 und 1/2" zu sehen. Ganz links stehen die Namen, dahinter folgen Kästchen mit den drei bekannten Zeichen. Handelt es sich um ein Open, sind in den kleinen Kästchen mit den Ergebnissen noch rote und schwarze Nummern, die den Gegner bezeichnen, zu finden. Für die Teilnehmer sind - zumindest in der letzten Runde - die Tabelle wichtiger als ihre letzte Partie: Mit kleinen Zettelchen und Kugelschreibern bewaffnet streunen sie um die Tabelle, um genau auszurechnen, wieviel Buchholzpunkte die Konkurrenz aufweist. Besonders gewieften Buchholzrechnern vergeht die Zeit vor der Tabelle wie im Fluge. Sie merken gar nicht, wie sie die scheinbar bedeutungslos gewordene Partie auf Zeit verlieren. Auch wenn die Tabelle auch so klein sein mag, der erfahrene Betrachter kann schon aus weiter Entfernung den Turnierstand ablesen: Derjenige, der am häufigsten vor der Tabelle umherstolziert, liegt in Front.

 

Tipps

Es gibt gute und hinterhältige Tipps: Eine unschöne und unsportliche Sache ist es, wenn man seinem Gegner eine tiefsinnige Falle gestellt hat und der feindliche Spitzenspieler gerade dann vorbeihuscht und mit seinem Mannschaftskameraden zu tuscheln anfängt (hinterhältige Tipps). Die Falle schlägt dann mit 100prozentiger Gewissheit fehl. Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, nutzt eine Intervention gegen das Geraune nichts: "Wir dürfen uns doch wohl noch übers Wetter unterhalten", wird die geschulte und routinierte Antwort lauten.

Als wesentlich nutzbringender (guter Tipp) erweist sich dagegen die Konversation mit dem eigenen Spitzenspieler. Nein, selbstverständlich gibt einem dieser keine Tipps - wenn es auch unumgänglich sein mag, dass ab und an ein paar unverbindliche Worte über die eigene Stellung fallen.

 

Schachbrett

Ohne das Schachbrett läuft rein gar nichts. Auf ihm spielt sich das ganze Geschehen ab. Da das Schachbrett den Rahmen für das Ganze absteckt, verschmerzt es dasselbige leicht, wenn alle auf ihm herumtrampeln - sei es nun ein König, der mit der Dame seines Herzens flaniert oder ein Galopper, der über die Schachweide jagt. Und wenn einer Figur die Allianz der beiden Könige und dem Schachbrett (alle drei sind bei einer Partie bis zum Schluss dabei) nicht passt, dann fliegt sie eben raus und muss das Geschehen von dort aus beobachten. Damen (sowohl jene auf dem Brett als auch andere) mögen Schachbretter nicht: Weil sie ihnen ihren Gemahl weg- oder gefangennehmen bzw. er jenes manchmal vor dem Kopf hat.

 

Rochade

Ein vielschichtiger Begriff, der nicht nur die gleichzeitige Bewegung eines Turmes sowie des Königs bedeutet. Rochieren ist eine Lebensauffassung: Der eine rochiert stets kurz, der andere gibt sich großspurig und schwört auf die lange Rochade, um durch heterogenes Vorgehen wilde Angriffe auf beiden Seiten heraufzubeschwören. In die Welt der Fabeln muß das Gerücht verwiesen werden, letztere bevorzugten auch in Turniertabellen die große Rochade, also 0-0-0, während die "Kurzrochadigen" spätestens nach zwei Nullen wieder aufblühten. Eine sichere Erkenntnis ist bisher nur, dass jene, die gar nicht zur Rochade kommen, die meisten Nullen einfahren.

Übrigens: Besondere Schachzeitungen, die etwas auf sich halten, tragen stets das Wort "Rochade" in ihrem Namen. Als Belege dienen die "Europa-Rochade" und der Kuppenheimer "Rochade-Express". Übelste Nachrede stellt die Behauptung dar, der Autor postuliere dies nur, weil er bei beiden Redakteur ist ...

 

Strohmann

Eine weit verbreitete Unsitte, die zuweilen in Vereinsranglisten - vor allem auf den vordersten Positionen - überhand nimmt. Falls man dann nur mit sieben Spielern in den Mannschaftskampf geht, kann der Strohmann am vordersten Brett, an dem man Schwarz hat, kampflos die Null einfahren, die anderen brauchen nicht aufzurücken. Strohmänner besitzen zwei Nachteile: Man kann nicht mehr als drei einsetzen und außerdem verlieren sie standig. Kurzum sie verhalten sich wie Vogelscheuchen: Die einen verjagen Krähen, die anderen ganze Punkte. Man könnte demnach beinahe sagen, dass beide nur Stroh in einem gewissen Körperteil haben.

 

Stiller Zug

An stillen Zügen erkennt man den wahren Meister. Seine tiefgründigen Kombinationen krönt er durch einen feinen, wenig aufsehenerregenden, aber dennoch riesenstarken Zug. Unerfahrene wissen nicht um die Genialität dieser Züge: Für sie nimmt die Kraft eines Zuges proportional zur Lautstärke zu. Unerfahrene werden stets Züge bevorzugen, bei denen sie krachend mit der Dame eine Figur des Gegners beseitigen und am besten dabei noch lauthals Schach brüllen können. Sie halten jeden Zug für einen stillen, der vom stummen Gegner geräuschlos ausgeführt wird.

 

Tempo

Der Begriff Tempo ist die geschickteste Schleichwerbung seit es Public Relation gibt. Bevor überhaupt jemand im Fußball an Trikotwerbung dachte, fädelte schon längst ein deutscher Papiertaschentuch-Hersteller geschickt seine Werbung ein. Seitdem sind im Schach die Schneuztücher in aller Munde. Wenn ein Schachspieler daher mit weinerlicher Stimme zu seinem Nächsten meint, dass ihm "ein Tempo gefehlt hat", sollte der Angesprochene jedoch nicht gleich ein Papiertaschentuch zücken und es ihm anbieten. Inzwischen haben sich die Anhänger des königlichen Spiels an die Schleichwerbung gewöhnt - oder würden Sie es verstehen, wenn Ihr Gegner in der Analyse anmerkt "an dieser Stelle fehlte mir ein softis"? Dann doch lieber ein Tempo!

 

 

Partieformular

Das Leben eines Partieformulars ist trostlos, sobald es von seinen Kameraden, die meist in 1000er Packen angeschafft werden, getrennt wird: Einsam kommt es neben einem Schachbrett zu liegen. Dort muß es die schlimmsten Dinge erdulden und ist wehrlos dem Spieler ausgesetzt, der es oftmals gar grausig mit schlechten Zügen besudelt. Grausig gerät auch häufig die Notation, die anschließend selbst von geübten Turnierleitern nicht mehr entziffert werden kann. Geduldig erträgt das Partieformular alle Leiden ohne Murren, um danach bei akribischen Schachspielern in den wohlverdienten Ruhestand, abgehängt in einem Ordner, zu gehen.

Weniger entspricht es den Genfer Konventionen, wenn schlechte Verlierer nach der Partie das Formular zerknüllen, oder noch schlimmer, in kleinste Teile zerstückeln. Langanhaltende Qualen versprechen ebenso Spieler, die ihr Formular wochenlang zerknüllt in der Hosentasche herumtragen, um bei jeder unpassenden Gelegenheit die Mitmenschen mit ihrer Gewinnpartie zu belästigen.

Das Partieformular dient ganz unterschiedlichen Zwecken. Die einen behandeln es beinahe ehrfürchtig und notieren akribisch ihren Zug und vielerlei anderes darauf. Die zweite Sorte von Spielern kraxelt nicht identifizierbare Objekte auf dasselbige. Am schlimmsten leiden Partieformulare jedoch unter jenen, die in Folge aufkommender Zeitnot bereits ab dem siebten Zug "stricheln" müssen. Wußten Sie schon, dass man großen Nutzen aus den Partieformularen ziehen kann? Bei richtigem Mitschreiben kann der zahlenkundige Spieler nämlich die Anzahl der Züge auf dem Formular ablesen. Im übrigen wirkt das Partieformular aggressionsabbauend. Nach einer Partie wurde es schon manchem Koryphäen wohler, nachdem er das Partieformular zerrissen und zerknüllt in den Mülleimer werfen konnte.

 

Schachzeitungen

Erstaunlich, über was man alles schreiben kann. Woche für Woche, Monat für Monat werden tausende von Partien analysiert, ohne dass sie überhaupt jemanden interessieren. Den Schachzeitungen ist allen eins gemein: Die Zahl der Mitarbeiter übersteigt die der Leser um etwa das dreifache. Warum dennoch dieses Verlustgeschäft - insbesondere bei Vereinszeitungen - betrieben wird, darf den egomanischen Herausgebern zugeschrieben werden. Für sie ist es die einzige Möglichkeit, eigene Partien zu veröffentlichen.

Wie Experten aus mehreren Ländern unabhängig voneinander urteilten, erscheint die beste Schachzeitung der Welt in einem kleinen Städtchen zwischen Karlsruhe und Baden-Baden. "Rochade-Express" nennt sich dieses hochgelobte Blatt.

 

Pressewart

Die Pressearbeit fristet bei den meisten Schachvereinen ein Aschenputtel-Dasein. Entweder will sie keiner verrichten oder gerade jener reißt sich darum, der am wenigsten dafür geeignet scheint. Aber es soll ja auch noch ein paar gute Pressewarte geben: Die wichtigste Fähigkeit dieser Spezies ist es nicht etwa, gute Artikel zu schreiben - nein, die besten Schach-Pressewarte bestechen durch ihr unendliches Beharrungsvermögen. Dieses benötigen sie auch dringend, um sich bei dem zuständigen Sportredakteur vor Ort nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

Sportredakteure hassen nämlich alle Schach-Pressewarte, weshalb sie selbst aus zweiseitigen Berichten bestenfalls - und auch nur damit sie ihre Ruhe vor dem quengelnden Pressewart haben - eine zehnzeilige Meldung fabrizieren. Wehrlose Opfer der Schach-Pressewarte sind dagegen die ortsbezogenen Amtsblätter, in denen man sich schier endlos austoben kann. Nur schade dass es keinen interessiert, wenn in Zeile 612 Franz Dinkelmoser einen Bauern im 39. Zug durch dxc6 verloren hat.

 

Schuld

Die Schuldfrage stellt sich im Schach mehr als in jeder anderen Sportart. Die Niederlagen in Mannschaftskämpfen lassen sich leicht an jenen festmachen, die schon nach fünf Zügen eine Figur verlieren oder im achten Zug die Zeit überschreiten.

Das Schöne im Schach ist aber, dass jene, die durch indiskutable Leistungen glänzen, die Schuld ebenfalls leicht abwälzen können: "Ich hatte meinen eigenen Kugelschreiber nicht dabei", "meine Socken, mit denen ich jede Partie gewinne, sind in der Wäsche" und ähnliche Ausflüchte kennt jeder - ihnen vermag man nichts entgegenzusetzen, da jeder selbst weiß, wie wichtig es ist, mit den richtigen Socken und dem eigenen Kugelschreiber anzutreten.

 

Weisheiten

"Ein Blitzspiel dauert zweimal fünf Minuten"

"Das Schachbrett ist quadratisch"

"Der nächste Gegner ist der schwerste" (sagte Sergej bevor er gegen den 223 Kilogramm schweren Leonid spielte)

"Siehst Du ein Schach, so vergiß es nicht zugeben, denn es könnte Matt sein"

"Siehst Du ein Matt, so vergiß es nicht zu geben, denn es könnte Matt sein"

"Springer am Rand' ist 'ne Schand'"

"Die Partie ist erst gewonnen, wenn auf dem Formular 1-0 d'runter steht"

"Durch Aufgeben ist noch keine Partie gewonnen worden"

"Besser Remis als gar keinen Punkt"

"Schach ist die schönste Nebensache der Welt - solange mein Gegner die Sache nicht zu ernst nimmt und verliert".

 

Rauchen

Nikotin scheidet die Geister, die die Funktionäre ans Schachbrett riefen. Da sind einerseits die Befürworter. Ihnen wird künftig ihr Laster versagt bleiben. Vermutlich sind in nächster Zukunft bei den Rauchern starke DWZ-Einbußen zu erwarten: Nun können sie das Schachbrett nicht mehr in unheilvolle Nebelschwaden tauchen und verlieren beim Gang in das Raucherzimmer wertvolle Bedenkzeit. Andrerseits werden die Gegner des Rauchens - den Rauchern zu Folge soll es sich meist um spielschwache Funktionäre handeln - davon profitieren. Den Rauchern zum Troste: Sie können es jetzt mit Nimzowitsch halten, Zigarette und Feuerzeug neben das Brett legen und die Drohung stärker als die Ausführung sein lassen.

 

Schachgebot

Dieses Kind des Matts - ohne Schach kein Matt - ist das Eckenverhältnis des Schachspiels. Der Beobachter kann dadurch ersehen, wer wie oft angegriffen hat. Ohne das Matt bleibt das Schachgebot jedoch brotlose Kunst, ja artet zur Majestätsbeleidigung aus: Der gegnerische König wendet sich mit Grausen ab. Dennoch führte der Rat "Siehst du ein Schach, so vergiß es nicht zu geben, denn es könnte ein Matt sein" schon zu unerwarteten Siegen.

 

Turm

Der Türm ist eine mächtige Schachfigur. Nicht umsonst wurde von ihm das Sprichwort "Der Turm in der Schlacht" geprägt. Mit brachialer Gewalt durchstößt er die feindlichen Linien. Der Turm ist leicht auszurechnen. Heimtückisches ist ihm fern - oder sind Sie schon einmal in eine Turmgabel getappt? Der Turm ist neben dem König die edelste Figur auf dem Brett. Keiner sonst darf mit dem König rochieren.

 

Spitzenspieler

Die Gefühle seiner Mannschaftskameraden sind ihm gegenüber zwiespältig: Ob seiner Spielstärke wird er allseits vergöttert. Beinahe liebevoll wird er verhätschelt, denn er könnte ja schon wieder ein interessantes Angebot vom (die Kraftausdrücke wurden zensiert) Nachbarverein vorliegen haben. Gerne fragt man den Spitzenspieler um Rat, sei es nun in der Partie oder bei einer Analyse. Es schmeichelt auch, wenn er nach einer gewonnenen Partie einem zufrieden die Hand drückt und ein wohlwollendes "Gut gemacht" von sich gibt.

Doch der Spitzenspieler hat auch seine Schattenseiten: Er weiß um seine Wichtigkeit und nutzt diese weidlich aus. Je größer seine DWZ, um so größer sein GM (Großmaul). Gefürchtet sind seine Sight-Seeing-Touren während der Mannschaftskämpfe. Sein skeptischer Blick und sein Stirnrunzeln lassen seine Mannschaftskameraden in Panik und tiefste Depression fallen, wenn er gerade deren Partie betrachtet. Aber es soll auch nette Spitzenspieler ohne diese negativen Eigenschaften geben: Im Fränkischen wurde vor kurzem einer gefunden. Er war tot. Die Polizei hat seine Vereinskameraden in Verdacht ...

 

Preisgeld-Theorie

Die Relative-Preisgeld-Theorie ist theoretisch relativ einfach zu verstehen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Preisgeld bei einem Open zu gewinnen ist umgekehrt proportional zur Anzahl der russischen Schachspieler im Teilnehmerfeld. Um es verständlich auszudrücken: Je mehr Sowjets mitspielen, um so geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer ein Preisgeld gewinnt.

 

Wahlen

Bei Wahlen in Schachvereinen verhält es sich so wie bei Walen: Die amtwilligen Funktionäre sind vom Aussterben bedroht. Die Mitglieder versuchen diesen Umstand zu beseitigen, indem sie Wahlgänge mit ehedem "DDR-Zuschnitt" inszenieren; 99-prozentige (der eine, der sich der Stimme zu enthalten hat, soll die Deckmäntelchen der Demokratie und Kritikfähigkeit hochhalten) für den Kandidaten, damit jener sieht, welch großes Vertrauen er im Wahlvolk genießt. Wahlen sind daher äußerst eintönige Angelegenheiten, die nur aus gelegentlichem Handheben bestehen. Geübte verschaffen sich dadurch etwas Abwechslung, dass sie einmal die linke, dann wieder die rechte Hand in die Höhe recken.

 

Zehntausend, Sport der oberen

Gewiss, der einfache Bauer beherrschte in früheren Jahrhunderten das königliche Spiel eher tölpelhaft. Leicht besser Betuchte aus dem niederen Volk erlangten sogar gewisse Bekanntheit, weil sie abstruse Gambits kreierten und mit ihrem Namen versahen wie der Donauschifffahrtsgesellschaftskapitän Evans, der bevorzugt die Themse befuhr. Jedenfalls konnten sich nicht nur Adelsleut' den Denksport leisten. Ein Brett und die 32 Figürchen konnte sich notfalls jeder Leibeigene aus seinen raren Brotkrumen kneten, wie schon Stefan Zweig in seinem authentischen Tagebuch aus dem Dreißigjährigen Frisurenkrieg, "Die Schachdauerwelle", belegte.

Später brachte sich der stets akkurat gescheitelte Autor um, weil er sich die horrenden Kosten für den Schachsport nicht mehr leisten konnte. Inzwischen beschränkt sich die Ausübung wie Polo auf die oberen Zehntausend eines jeden Volkes. Blieb die Zahl der Schachbücher - rasch erwies sich Gutenbergs Druckkunst als Fluch für Naturspieler im steten Kampf gegen Theoriehaie - zunächst übersichtlich, rückte Schach ab 1966 zunehmend in einen elitären, weil kostspieligen Zirkel auf. Der Informator erschien erstmals. Zunächst wurde dem Beflissenen zweimal im Jahr das Geld aus der Tasche gezogen, neuerdings gar dreimal unter dem leicht zu entreißenden Deckmäntelchen der angeblichen Theorieflut. Dabei tut sich seit Jahrzehnten nichts mehr in den für den Amateur relevanten ersten drei Zügen.

Ein schwerer, wenn nicht gar vernichtender Hieb wurde 86,73 Prozent der Spieler versetzt, als der sozialistische Schutzwall zur DDR fiel. Hatte sich das Proletariat noch dank der Mauer und der auf niederem Niveau festen Ostmark bis dahin preisgünstig mit den weißfarbigen Theoriefibeln sowjetischer Meister versorgen können, griff die Inflation danach rasend um sich.

Heutzutage muss der fleißige wie begüterte Schachfreund für primitiven englischen Schund ein Zigfaches auf den Tisch legen, ohne jemals in den Genuss der titelheischenden Versprechen ("Winning with the Dummkopf Attack" oder dem zweiten Band "Winning with the Super Dummkopf Attack", gefolgt vom Titel "Black is o.k. in the Dummkopf Attack", der unweigerlich "Black is super o.k. in the Super Dummkopf Attack" sowie "Black is super pretty excellent o.k. in the Super Dummkopf Attack" nach sich zieht) zu kommen. Das Ganze gepaart mit den unabdingbaren Eröffnungsdatenbanken samt sündhaft teurer Partien-Updates plus der neuesten Programme namens "Gudrun", "Franz" oder "Elfriede" wurde Schach zum Sport von Millionären. Dass es sich bald nur noch Milliardäre leisten können, dem einst spottbilligen Denkspiel zu frönen, liegt an den exorbitanten Internet-Kosten, die für tägliches 22-stündiges Herunterladen aktuellen Partienmaterials anfallen. Ohne diesen Einsatz kann es der kleine Fisch gleich sein lassen, ganz abgesehen davon, dass er ohne Spielpraxis auf dem ICC gegen die Reichen verloren ist. Alsbald wird also Bill Gates gegen sich selbst spielen müssen.

 

Zeitnot

Wenn es sie nicht schon seit dem Einsatz von Schachuhren gegeben hätte, hätte sie wohl Hitchcock erfinden müssen: die Zeitnot. Nichts ist haarsträubender, nervenaufreibender und spannender. Fällt endlich die Klappe? Sieht Schwarz endlich die seit acht Zügen mögliche Springergabel mit Damengewinn?

Nichts ist irrationaler als die Zeitnot. Nur eines ist an ihr bedauerlich: Sie endet nach 40 Zügen. Nur ungeübte Zeitnotspieler gönnen dem Publikum ein längeres Vergnügen. Weil sie gänzlich die Übersicht verlieren, blitzen sie in Unkenntnis der Zugzahl munter bis zum 78. Zug weiter. Dort halten sie dann inne, stellen fest, dass sie gerade den letzten Bauern eingestellt haben und geben fragenden Blickes auf: Wo ist ihre Mehrdame aus dem 18. Zug geblieben?

Die Zeitnot besitzt aber auch einen Nachteil: Sie tritt leider bei Mannschaftskameraden auf und ist besonders unangenehm, wenn sich das sensationslüsterne Publikum um einen schart, weil man selbst nur noch vier Sekunden für 12 Züge hat.

 

Zugwiederholung

Wiederholungen gibt es im täglichen Leben immer wieder. Am meisten verhasst sind jene im Fernsehen. Nicht minder unattraktiv sind Zugwiederholungen im Schach. Es ereignet sich nichts auf dem Brett, gähnende Langeweile. Eine einmalige Zugwiederholung mag das Publikum verzeihen - kann es doch dazu dienen, in einer Art Zeitlupe dem Zuschauer nochmals das gerade Geschehene vor Augen zu führen. Ärger bis hin zu "Eintritt zurück"-Rufe zwingen dreifache Zugwiederholungen hervor. Dann wird es selbst dem treuesten Fan zu bunt. Um dem aus faulen Tomaten bestehenden Sperrfeuer der Zuschauer zu entkommen, ruft daher einer der beiden Lumpen "dreimal selbe Stellung", wonach die Schachregeln beide Spieler mit dem Verlust eines halben Zählen bestrafen.